Erfolgreich in Lissabon: Benfica-Coach Roger Schmidt. (Urheber/Quelle/Verbreiter: Armando Franca/AP/dpa)

In Lissabon wird er nach nicht mal einem halben Jahr der Große genannt, der «große Schmidt». So bezeichnen ihn zumindest die Fans von Benfica, obwohl Roger Schmidt sich selbst gar nicht so wichtig nehmen will.

Seit 20 Pflichtspielen führt der 55-Jährige den portugiesischen Fußball-Rekordmeister nun als Trainer an. Der spektakuläre 4:3-Erfolg in der Champions League gegen Juventus Turin war sein 17. Sieg. Verloren hat er noch gar nicht. Und trotzdem sagt der gebürtige Sauerländer: «Das hat nichts mit Schmidt zu tun.» Aber womit denn dann?

Schmidt lässt die Benfica-Anhänger wieder träumen. Von der ersten Meisterschaft seit 2019. Vom ersten Pokalsieg seit 2017. Nach der gegen Juve perfekt gemachten Qualifikation fürs Achtelfinale wurde Schmidt sogar nach dem Gewinn der Königsklasse gefragt. Daraufhin musste der Ex-Coach von Bayer Leverkusen lächeln. «Tja, was kann passieren?», antwortete Schmidt mit einem Schmunzeln. Er wurde aber schnell wieder ernst. «Ich denke, dass wir im Moment auf einem hohen Niveau spielen. Unser Ziel muss es sein, dieses Niveau zu halten.»

Schmidt verändert

Als Schmidt die Adler im vergangenen Sommer übernahm, fragte sich mancher Portugiese: Wer ist das eigentlich, dieser Schmidt? Er war noch längst nicht der «große Schmidt», und gewissermaßen passte das, weil auch Benfica an Größe verloren hatte. Die Meisterschaften holten in den vergangenen Jahren der FC Porto und Stadtrivale Sporting. Benfica dagegen holte 2020 Jorge Jesus als Trainer zurück, ein Experiment, das missglückte. Zwar schaffte es Benfica in der vergangenen Spielzeit überraschend ins Viertelfinale der Champions League, da war Jesus aber längst beurlaubt. Im Sommer kam dann Schmidt als Nachfolger von Interimscoach Nélson Veríssimo. Dann veränderte sich etwas.

Mit der Rückendeckung der Vereinsführung krempelte Schmidt die Mannschaft nach seinen Vorstellungen um. Für den Ex-Dortmunder Julian Weigl, den die Fans im Sommer 2021 noch zum Spieler des Jahres gewählt hatten, fand Schmidt kaum noch Verwendung. Mittlerweile spielt Weigl bei Borussia Mönchengladbach, und im zentralen Mittelfeld von Benfica sind aufstrebende Youngster wie Enzo Fernández und Florentino gesetzt. Zum zweiten Innenverteidiger neben Routinier Nicolás Otamendi beförderte Schmidt das 18 Jahre alte Ausnahmetalent António Silva. Im Sturm ist nach dem 80-Millionen-Euro-Abgang von Darwin Núñez zum FC Liverpool nun der 21-jährige Gonçalo Ramos gesetzt. 

Und dann ist da ja auch noch Rafa Silva, der 1,72 Meter kleine Tempodribbler, der mit seinem Doppelpack gegen Juve das Stadion zum Beben brachte. Auch seine Tore fielen nach in höchstem Tempo vorgetragenen Angriffen, für die sie den Schmidt-Fußball in Portugal so mögen. Mit Aggressivität, permanenter Aktivität und immer mal wieder herrlichen Toren hat Schmidt die Anhänger schnell von seiner Spielweise überzeugt. «Das ist ein sehr schöner Moment für uns», sagte Silva nach dem Erfolg gegen Juventus. Ein Moment, an dem auch der «große Schmidt» seinen Anteil hat.

Nils Bastek, dpa

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