Brasiliens Neymar sitzt nach der Niederlage gegen Kroatien enttäuscht auf dem Spielfeld. (Urheber/Quelle/Verbreiter: Robert Michael/dpa)

Neymars Blick drückte nichts aus: keine Freude, keine Hoffnung, kein Verständnis, da war einfach nur Leere. Es war kurz vor Mitternacht, als der Superstar der Brasilianer durch das gedämpfte Licht der Stadiongänge schlich. Seine Augen wanderten umher, so als würde er jemanden suchen. Aber da war nichts: nur etliche von Journalisten, die seinen Namen riefen.

Woran hat es gelegen? Warum ist die Seleção schon wieder im Viertelfinale einer Weltmeisterschaft ausgeschieden? Und überhaupt: Was wird jetzt aus ihm, Neymar, dem talentiertesten Spieler einer ungekrönten Fußball-Generation?

Neymar: «Diese Niederlage wird für lange Zeit wehtun»

Der 30-Jährige blieb bei fast jedem für eine kurze Weile stehen. Seine Stimme war genauso monoton wie sein Blick. «Diese Niederlage wird für lange Zeit wehtun», sagte er nach dem 2:4 im Elfmeterschießen gegen Kroatien. Ob er dennoch die WM 2026 in Angriff nehmen oder überhaupt nochmal für die Seleção auflaufen wolle, ließ der Angreifer offen: «Es ist sehr früh, um darüber zu sprechen. Ich schließe die Tür zur Seleção nicht. Aber ich garantiere auch nicht zu 100 Prozent, dass ich zurückkehren werde.» Er werde jetzt erst mal ein wenig über alles nachdenken müssen. Vor den bunten Werbetafeln des Weltverbandes FIFA wirkte Neymar in diesem Moment so, als könne er es noch gar nicht begreifen.

Es gibt Menschen, die nah an ihm dran sind und vor dem Turnier in Katar erzählt hatten: Der nicht gerade für ausufernde Professionalität bekannte Neymar habe sich noch nie so professionell vorbereitet wie auf diese WM. Der scheidende Nationaltrainer Tite bestätigte diese Eindrücke kurz vor dem Auftaktspiel gegen Serbien (2:0). «Zuerst gehört Neymar ein Lob, weil er auf sein professionelles Gewissen gehört hat», hatte er der «Sport Bild» gesagt. Diese Weltmeisterschaft sollte seine werden. Die Krönung im Nationaltrikot. Nur dieser goldene Pokal fehlte ihm dafür noch. Jetzt könnte er für immer die unvollendete Nummer Zehn bleiben.

«Leider haben wir unser Ziel nicht erreicht, unseren Traum», sagte er schwer enttäuscht. «Es ist ein Detail, das darüber entscheidet, ob du weiterkommst oder nicht.» Dieses eine Detail, er schien es eigentlich auf seiner Seite zu haben. Nach zuvor schwachen 105 Minuten zeigte Neymar kurz vor der Verlängerungs-Halbzeit, warum Tite ihn trotzdem auf dem Feld gelassen hatte. Er rannte mit dem Ball zentral auf die kroatische Deckung zu, spielte zwei Doppelpässe und war dann frei vor dem überragenden Torhüter Dominik Livakovic. Den umkurvte er und schoss das 1:0.

Neymar kommt im Elfmeterschießen nicht mehr zum Zug

Es war sein 77. Tor für die Seleção, wodurch er mit Pelé gleichzog. «Endlich kann ich dich dazu beglückwünschen, mit meiner Anzahl an Toren für die Seleção gleichgezogen zu sein», schrieb der an Krebs erkrankte «König» via Instagram. Es war dieser eine, sein genialer Moment. Es hätte alles so schön sein können. Doch kurz darauf gelang Bruno Petković (117.) noch der Ausgleich. Im Elfmeterschießen versagten Brasilien die Nerven.

Es passt zu Neymars persönlicher Tragik, dass er selbst nicht mal antreten konnte. Tite hatte ihn als fünften und entscheidenden Schützen vorgesehen. Dazu kam es aber nicht mehr, weil Rodrygo und Marquinhos verschossen. Die Kroaten verwandelten jeden ihrer Strafstöße. Anstatt Brasilien ins Halbfinale zu schießen, sackte Neymar auf dem Rasen des Education City Stadions zusammen. Erst kauerte er allein gelassen in der Nähe des Anstoßpunkts. Später flossen auch bei ihm die Tränen. «Das ist ein sehr trauriger Moment», sagte er noch Stunden danach. Trainer Tite und Kapitän Thiago Silva hatten da schon ihre Abschiede bestätigt. Und Neymar? «Ich werde jetzt ein bisschen nachdenken müssen über alles».

Nils Bastek, Patrick Reichardt und UlrikeJohn, dpa

Von