HSV-Trainer Tim Walter rutschte mit seinem Team auf den dritten Tabellenplatz ab. (Urheber/Quelle/Verbreiter: Marcus Brandt/dpa)

Auf diese Erfahrung hätte Tim Walter gerne verzichtet. Mehr als 90 Minuten litt der gesperrte Trainer des Hamburger SV auf der Tribüne des Volksparkstadions mit und an seiner Mannschaft beim 0:0 gegen Holstein Kiel.

Der Stresspegel sei «das Zehnfache» gewesen, gestand der 47-Jährige nach dem Nordduell der 2. Fußball-Bundesliga. «Du bist auf dich allein gestellt, du musst alles herauslassen irgendwie», sagte Walter, der wegen seiner Roten Karte aus dem Spiel beim Karlsruher SC nicht an der Seitenlinie stehen durfte.  

In der anstehenden zweiwöchigen Länderspiel-Pause wird Walter nur bedingt Zeit zur Entspannung finden. Denn seine Mannschaft droht zum Frühjahrsbeginn in ihr aus den vergangenen Jahren bekanntes Saisontief zu rutschen. Nach dem 2:4 eine Woche zuvor beim KSC war das Remis gegen die Kieler schon die zweite Partie nacheinander, in der die Hamburger wertvolle Punkte im Aufstiegskampf liegen ließen.

Erstmals seit dem 23. Oktober beenden sie ein Wochenende nicht mehr auf einem direkten Aufstiegsplatz. «Jetzt steigt noch niemand auf», meinte Kapitän Sebastian Schonlau. «Wir wollten das Spiel gewinnen. Das haben wir am Ende nicht getan. Trotzdem gibt es noch keinen Grund, den Kopf runterzunehmen.»   

Grund zur Panik gibt es für den HSV in der Tat sicher noch nicht. Das selbsterklärte Saisonziel Aufstieg ist weiter in Reichweite. Nach dem 25. Spieltag sind die Hanseaten mit 49 Zählern immerhin noch auf dem Aufstiegsrelegationsrang. Der Rückstand auf Tabellenführer Darmstadt 98 (52 Punkte) und auf den 1. FC Heidenheim (50) ist überschaubar. Der Abstand zum ersten Nicht-Aufstiegsplatz vier ist noch komfortabel. 

Die schärfsten Rivalen punkten

Aufpassen müssen die Hamburger dennoch. Die beiden schärfsten Rivalen setzten anders als sie vor der Länderspiel-Pause Zeichen. Der 1. FC Heidenheim war am Freitag mit dem 5:2 gegen den KSC am HSV vorbeigezogen. Die Darmstädter meldeten sich nach zwei Nullnummern mit dem 2:0 am Samstagabend gegen den 1. FC Kaiserslautern zurück. «Wir haben heute die richtig gute Antwort auf die zwei Niederlagen gezeigt», sagte Trainer Torsten Lieberknecht.   

Mannschaft der Stunde bleibt jedoch HSV-Stadtrivale FC St. Pauli. Mit dem 5:0 (4:0) beim SV Sandhausen setzte das Team von Trainer Fabian Hürzeler den Höhenflug mit zuletzt acht Siegen in Serie fort und rückte auf den fünften Tabellenplatz vor. Einen Platz vor St. Pauli liegt Fortuna Düsseldorf (42 Punkte). Nach Toren von Dawid Kownacki (12.), Rouven Hennings (20.) und Matthias Zimmermann (41./48.) sowie einem Eigentor von Damian Roßbach  (82.) setzen sich die Rheinländer mit 5:2 (3:0) bei Hansa Rostock durch. Damit sind sie erster Verfolger des Führungstrios.

Neue Hoffnung im Abstiegskampf schöpft Eintracht Braunschweig. Der Last-Minute-Treffer von Jannis Nikolaou (90.+1) zum verdienten 1:0 (0:0)-Sieg im Nordderby gegen Hannover 96 verhalf zum Sprung auf Platz 16.  

HSV-Torjäger Robert Glatzel wiederholte die Aussagen, die sonst sein Trainer macht. «Wir dürfen uns nicht so mit den anderen beschäftigen. Erst einmal müssen wir unsere Hausaufgaben machen», sagte er. Doch mit dem Erledigen der Hausaufgaben tat sich der Aufstiegsfavorit zuletzt schwer. 

So zeigte in Karlsruhe die Defensive ohne den verletzten Schonlau erhebliche Schwächen. Gegen Kiel war Schonlau wieder dabei und gab der Abwehr Sicherheit. Dafür haperte es in der Offensive – trotz 22:4 Torschüssen und 17:3 Ecken. «Am Ende ist es nur ärgerlich, dass du kein Tor schießt, weil dir ein bisschen Konsequenz fehlt», meinte Walter. «Und das haben wir uns heute vielleicht durch die paar fahrigen Situationen auch nicht verdient.»

Dass es nur zu einem Punkt gegen Holstein Kiel reichte, habe nicht am Fehlen des Trainers während des Spiels gelegen, betonte Schonlau. «Dass wir ihn an der Seitenlinie lieber haben, dass er da hingehört, ist aber klar.» Von Walter gab es trotz des enttäuschenden Remis doch noch ein Lob. «Ich muss meiner Mannschaft und dem Trainerteam ein Kompliment machen, wie sie mich vertreten haben. Das war sehr, sehr gut», sagte er. «Für mich: Ich möchte das nicht mehr haben, da oben.»

Claas Hennig, dpa

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