Polarisiert: Roma-Coach José Mourinho. (Urheber/Quelle/Verbreiter: Alessandra Tarantino/AP/dpa)

José Mourinho wirkte zuversichtlich, als er den proppenvollen Pressekonferenzraum der schmucken Puskás Aréna betrat. «Wir haben es verdient, hier zu sein», sagte er voller Überzeugung. Der größte Star steht am Mittwochabend nicht auf dem Platz, sondern an der Seitenlinie.

Seit rund zwei Jahrzehnten gehört Mourinho inzwischen zu den erfolgreichsten und umstrittensten Trainern im Weltfußball. Gewinnt er mit der AS Roma in Budapest nun das Europa-League-Finale gegen den FC Sevilla und holt seinen sechsten internationalen Titel als Coach, steigt er zum alleinigen Rekordhalter auf. «The Special One» wäre dann auch «The Only One».

Sechsmal stand Sevilla bislang im Endspiel des Wettbewerbs, sechsmal haben die Spanier es gewonnen – so häufig wie kein anderer Club. Wenn einer diese beeindruckende Serie beenden kann, dann aber sicher Mourinho. Die Titelgier des Portugiesen ist ungebrochen. «Die DNA ist Motivation und Freude, der Wunsch nach großen Momenten», sagte er vor seinem sechsten Europapokal-Finale als Trainer über sich selbst. Die bisherigen fünf hat er alle gewonnen. Aktuell teilt sich Mourinho die Bestmarke noch mit dem früheren Coach des FC Bayern München, Giovanni Trapattoni. Er sei im Laufe der Jahre aber noch «ein besserer Trainer, eine bessere Person geworden», schilderte Mourinho seine eigene Entwicklung.

«Eine Figur, die man liebt oder hasst»

Der 60-Jährige ist seit jeher voll auf Erfolg getrimmt. Ein genialer Taktiker, aber auch ein Provokateur. Und ganz offensichtlich ein Menschenfänger. «Er ist tatsächlich ein ganz spezieller Trainer, der alle Profis und Mitarbeiter gleichbehandelt. Das ist sein Geheimnis, jeder fühlt sich wichtig und holt für ihn das gewisse Extra mehr aus sich heraus», sagte Roms Offensivstar Paulo Dybala dem «Kicker». Natürlich sei Mourinho auch ein «Meister» der Psychospielchen, fügte der Argentinier schmunzelnd hinzu. Er sei «eine Figur, die man liebt oder hasst. Man kann ihm bei den Ergebnissen, die er vorweist, allerdings wenig vorwerfen».

Mourinho gewann mit dem FC Porto 2003 den UEFA-Cup und ein Jahr später die Champions League. Mit Inter Mailand triumphierte er 2010 ebenfalls in der Königsklasse – im Finale gegen die Bayern. 2017 schnappte er sich mit Manchester United den Europa-League-Titel.

Auch in Rom hat Mourinho seit seinem Amtsantritt im Sommer 2021 für Furore gesorgt und einen ganzen Club in seinen Bann gezogen. Die Fans verehren ihn. Vorige Saison gewann er mit den Giallorossi die Erstauflage der Conference League. Es war der erste Europapokal-Triumph der Römer überhaupt und ihr erster Titel seit dem Gewinn des italienischen Pokals 2008. Er habe «für immer den Lauf der Geschichte in dieser Mannschaft und dieser Stadt verändert, die sich nichts sehnlicher wünschten, als solche Nächte zu erleben», schrieb die italienische Zeitung «Corriere dello Sport». Mourinho habe «eine starke Persönlichkeit und der Mannschaft den Siegeswillen übertragen», sagte Real Madrids Trainer Carlo Ancelotti. 

Mourinho lässt Zukunft in Rom offen

«Er ist einer der ganz Großen. Wenn man sich anschaut, wo er schon überall war und was er alles gewonnen hat, bekommt man Angst», sagte José Luis Mendilibar, der bereits als dritter Coach in dieser Saison bei Sevilla auf der Bank sitzt, vor dem Duell mit Mourinho.

In Budapest steht für die Roma nun also das zweite internationale Finale in zwei Jahren an – und Mourinho hat nur den Pokal im Kopf. In den schwierigen letzten Wochen, in denen sein Team nur eine von neun Pflichtpartien – das Halbfinal-Hinspiel gegen Bayer Leverkusen – gewinnen konnte und mit vielen Verletzungen zu kämpfen hatte, war er der große Motivator. Darüber, dass sich die in der Liga nur auf Tabellenplatz sechs liegende Roma mit dem Europa-League-Sieg noch für die Champions League qualifizieren könnte, denkt er nach eigener Aussage nicht nach.

Auch die Gerüchte, dass er den Club trotz bis 2024 laufenden Vertrags nach dieser Saison verlassen könnte, wollte er nicht groß kommentieren. «Ich habe mit meinen Kapitänen gesprochen. Sie haben mich gefragt, ob ich bleiben würde. Sie werden es Ihnen nicht sagen, aber sie wissen genau, was ich denke», erklärte er. Und, dass er keinen Kontakt zu anderen Vereinen habe. Mourinho hat aktuell nur Augen für den Silberpott – und den alleinigen Rekord fest im Blick.

Christoph Lother und Manuel Schwarz, dpa

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