Bundestrainer Hansi Flick (M.) muss seine Startelf für das Spiel in Island um bauen. (Urheber/Quelle/Verbreiter: Tom Weller/dpa)

Einen Wutausbruch wie einst von Rudi Völler wird es von Hansi Flick auf der Vulkaninsel Island bestimmt nicht geben.

Die Erinnerung an die legendäre Tobsuchtsrede seines Vor-Vor-Vorgängers im zugigen Stadion Laugardalsvöllur brachte den neuen Bundestrainer wie seinen Chef-Antreiber Leon Goretzka vor dem goldenen Jubiläum der Fußball-Nationalmannschaft in der WM-Qualifikation am Mittwoch (20.45 Uhr/RTL) in Reykjavik aber auch nach ziemlich genau 18 Jahren noch zum Schmunzeln.

«Wir sollten zusehen, dass Hansi nach dem Spiel nicht in eine ähnliche Situation gerät», sagte Goretzka am Dienstag kurz vor dem Abflug der DFB-Auswahl Richtung Nordatlantik eher aus Spaß. Das Video mit der Völler-Tirade aus dem ironisch als «rosige Zeiten» beschriebenen September 2003 habe er schon mehrfach zur Erheiterung angesehen, erzählte der 26 Jahre alte Bayern-Profi.

Flick macht nicht den Völler

0:0, eine lausige Leistung, schlechte Stimmung und dann auch noch die ätzende TV-Kritik von Günter Netzer, Gerhard Delling und Waldemar Hartmann brachten Teamchef Völler damals in Rage – das komplette Kontrastprogramm zur nach dem Sechs-Tore-Spaß gegen Armenien gerade wieder aufgefrischten guten Laune bei der Nationalmannschaft. «Nein, das ist nicht vorstellbar», sagte Flick zur Wiederholungsgefahr. Schließlich sei diesmal auch als TV-Experte «der Lothar» (Matthäus) dabei, meinte Flick mit einem Augenzwinkern.

Für Flick macht sogar der Regen in Reykjavik mal kleine Pausen. Vor dem 100. WM-Qualifikationsspiel der DFB-Elf seit 1934 verzogen sich die letzten Restausläufer des Hurrikans Ida. «Auf das Wetter haben wir uns eingestellt, dass es nicht ganz so gut ist», sagte der Bundestrainer zur Herbstfrische unter zehn Grad Celsius. Nach Tiefdruck-Gebiet fühlt sich die Stimmung aber eben eh nicht an.

Neun-Punkte-Plan vor dem Abschluss

Der Gruppenplatz eins auf dem Weg zur WM 2022 in Katar ist zurückerobert. Die Blamage beim 1:2 gegen Nordmazedonien im März noch unter Joachim Löw als nur eine von drei Niederlagen in der langen Quali-Historie ist kompensiert. Für den von Flick ausgerufenen Neun-Punkte-Plan aus seinem ersten Dreierpack fehlt nach den Siegen gegen Liechtenstein (2:0) und Armenien (6:0) nur noch der finale Schritt. Die Restangst, nach der EM-Enttäuschung nun auch noch die WM-Teilnahme in Katar 2022 in Gefahr zu sehen, ist vertrieben.

«Für uns ist es wichtig, dass wir diese Spiel gewinnen, deswegen ist der ganze Fokus darauf ausgerichtet, dass wir diese drei Punkte holen», sagte Flick vor dem Abflug aus dem durch Hochdruck-Gebiet Herlinde sommerlich warmen Stuttgart Richtung Keflavik an Islands Süd-West-Zipfel.

Reus und Baku fehlen

Nicht im Flieger saßen BVB-Kapitän Marco Reus, der wegen leichter Knieprobleme nicht einsatzfähig ist, und Rechtsverteidiger Ridle Baku vom VfL Wolfsburg, der als 24. Akteur im Kader laut FIFA-Regularien in Reykjavik ohnehin nur auf der Tribüne gesessen hätte.

Als Rechtsverteidiger hat Flick die Wahl zwischen Jonas Hofmann und Thilo Kehrer und dem bislang noch nicht berücksichtigten Lukas Klostermann. Und auch für Reus ist Ersatz in der Offensivzentrale in Quantität wie Qualität vorhanden. Ilkay Gündogan, den Goretzka als erstes ins Spiel brachte, der nach leichter Grippe wieder fitte Kai Havertz oder Youngster Jamal Musiala könnten ins Startteam rücken. Als linker Verteidiger steht nach seiner Kapselverletzung aus dem Liechtenstein-Spiel auch Robin Gosens wieder zur Verfügung.

Island, das bei der EM 2016 mit frischem Fußball und tollen Fans den Kontinent begeisterte, steckt in einer tiefen moralischen wie sportlichen Krise. Anschuldigungen über sexuelle Belästigung und Missbrauch durch Nationalspieler brachten die Verbandsspitze wegen des Vertuschungsvorwurfes zum Sturz. In der laufenden Quali-Runde ist man auf Platz fünf mit vier Punkten von der Katar-Teilnahme weit entfernt.

«Lösungen am Boden finden»

Dennoch könnte es gegen das kampfstarke, körperlich robuste Team zäh werden für den wieder treffsicheren deutschen Turbo-Sturm um Serge Gnabry und Timo Werner. «Wir werden Lösungen am Boden finden müssen», sagte Goretzka. Räume sehen und öffnen wird – wie gegen Armenien blendend praktiziert – speziell seine Aufgabe sein.

Es wird nach elf ersten Tagen mit Flick als Chef im DFB-Orbit auch um Konzentration gehen. Gleich nach dem Island-Spiel geht es zurück zu den Vereinen. Der starke Bayern-Block mit sehr wahrscheinlich sechs Startelf-Kandidaten muss am Samstag in der Bundesliga bei RB Leipzig ran, dann geht es in der Champions League zum FC Barcelona. Goretzka will aber an einen Spannungsabfall nicht denken. «Bestätigen! Die Leistung vom letzten Spiel. Das ist das oberste Ziel», machte er die Vorgabe gegen die Isländer deutlich. Flick soll schließlich nach dem Spiel mit guter Laune zum TV-Interview gehen.

Von Arne Richter und Klaus Bergmann, dpa

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