DFB-Präsidentschaftskandidat Bernd Neuendorf. (Urheber/Quelle/Verbreiter: Oliver Berg/dpa)

Bernd Neuendorf hat nicht sofort ja gesagt. Als er mit der Idee betraut wurde, für das Amt des DFB-Präsidenten zu kandidieren, bat der 60-Jährige um Bedenkzeit.

«Ich wollte es von Anfang an seriös angehen und nicht reinstolpern», sagt er im dpa-Gespräch: «So etwas muss gut überlegt und reflektiert sein. Man muss es wirklich wollen. Und man muss es auch können.»

Eine Wahl am 11. März, bei der er sich wahrscheinlich gegen den aktuellen Interims-Chef Peter Peters durchsetzen müsste, würde für den Präsidenten des Fußball-Verbandes Mittelrhein (FVM) einen Schritt in die Öffentlichkeit bedeuten. «Im Hintergrund für Ruhe und geordnete Abläufe sorgen, das kann ich gut», sagt Neuendorf. Doch die neue Aufgabe würde ihn in die erste Reihe schieben.

Als sich die Vertreter der 21 Landesverbände auf einen Kandidaten einigen wollten, fiel schnell der Name Neuendorf. Und es wird auch schnell klar, wieso. Der gebürtige Dürener ist quasi ein Gegenentwurf zu Berufs-Funktionären á la Rainer Koch. Er ist kein Lautsprecher, wählt seine Worte mit Bedacht. Trotz des Zuspruchs war ihm klar: «Du darfst nicht den Fehler machen, dich zu sehr gebauchpinselt zu fühlen.»

FVM-Amt nicht «als Durchlauferhitzer» gedacht

Schließlich sagte Neuendorf doch ja. Am Donnerstag könnte er offiziell als Kandidat der Amateure benannt werden. Doch als er 2019 den FVM übernahm, sei das «nicht als Durchlauferhitzer» gedacht gewesen, versichert er: «Ich habe die DFB-Kandidatur nicht betrieben. Es war wirklich nicht mein Lebensplan, nach zweieinhalb Jahren beim FVM für das Präsidentenamt des DFB zu kandidieren.» Und bei seiner Entscheidung habe das Renommée des Amtes «keine Rolle gespielt».

Seine Kandidatur sehe er «als eine Art Angebot. Ich hoffe, dass ich das im Falle meiner Wahl ein bisschen unaufgeregter hinbekomme, als es sonst im Fußball üblich ist.» Dass dieser ein emotionales Feld ist, weiß Neuendorf. Und er verspürt es noch mehr, seit sein Name an die Öffentlichkeit gedrungen ist.

Als klassischer Fußball-Funktionär ist der zweifache Familienvater in der Tat noch neu im Geschäft. Zum alten System mit all seinen Intrigen und Machtspielchen gehört er nicht. Nicht mal als Kassenwart im Heimatverein fungierte er. «Da ich immer sehr zeitintensive Jobs hatte, hätte ich das nicht hinbekommen», sagt er. Doch eben in diesen Jobs gab es durchaus immer schon Berührungspunkte zum Sport. Und Erfahrungen, die ihm für die neue Aufgabe nutzen können.

Nach dem Studium der Geschichte und Politikwissenschaft wurde Neuendorf Journalist, schrieb für eine englischsprachige Agentur auch über die EM 1988 in Deutschland. In erster Linie war er aber politischer Korrespondent in Bonn. Und damit Kollege des zwei Monate jüngeren Reinhard Grindel, der von 2016 bis 2019 dem DFB vorstand. Mit ihm verbinde ihn aber «keine spezifische Begebenheit», sagt Neuendorf. «Es war ein normales, kollegiales Verhältnis.»

Fußball immer «Entspannung und ein Hobby»

2001 wurde Neuendorf stellvertretender Chefredakteur der Mitteldeutschen Zeitung, zwei Jahre später zog er in die Politik. War zunächst Sprecher des SPD-Parteivorstands in Berlin, nach der Rückkehr nach Nordrhein-Westfalen fünf Jahre Staatssekretär des Familienministeriums. Dem auch der Sport angehörte. In diese Zeit fielen unter anderem die Eishockey- und Tischtennis-WM in NRW. Und damals lernte er auch den damaligen FVM-Präsidenten Alfred Vianden kennen. Der ihn bat, sein Nachfolger zu werden.

Bis dahin war der Fußball für Neuendorf immer «Entspannung und ein Hobby». Als Kind sammelte er Panini-Bilder, las den Kicker, war Anhänger von Borussia Mönchengladbach und nannte sich auf dem Schulhof Netzer oder Vogts. Selbst kickte er als Linksaußen beim FC Grenzwacht Hürtgen. Schon im Teenager-Alter musste er wegen Kniebeschwerden aufhören. «Das war hart.»

Neuendorf will als Vermittler auftreten

Später wurde sein Lieblingsverein Alemannia Aachen. «Als ich zum ersten Mal auf dem alten Tivoli war, war es um mich geschehen», sagt er. 1985 erhielt er ein Stipendium in Oxford. «Das war genau das Jahr, in dem Oxford United in die erste englische Liga aufgestiegen war», sagt er mit leuchtenden Augen. Im Stadion am Wochenende sei er «dem sehr akademischen Umfeld entflohen.» Die Liebe zu England ist geblieben. «Ich mag den englischen Humor, habe den Brexit sehr bedauert und bin Teetrinker geworden», sagt Neuendorf.

Doch in England habe er das Gefühl, der Fußball gehöre nicht mehr allen. Das will er in Deutschland vermeiden. Einerseits bezeichnet er sich als «Fußball-Romantiker», doch naiv ist diese Romantik nicht. «Ich denke immer innovativ», sagt er: «Wir brauchen einen Modernisierungsschub und neue Gedanken. Wir müssen immer darüber nachdenken, wie wir den Fußball entwickeln können.»

Über sein Programm spricht er nicht öffentlich, das will er den Kollegen persönlich präsentieren. Klar ist, dass er als Vermittler auftreten will. «Wenn Meinungen am Tisch weit divergieren, muss man sie zusammenführen», sagt er: «Am Ende muss man eine Lösung für den Fußball gefunden haben. Und alle müssen gesichtswahrend rausgehen können.» Ein hehres Ziel im inzwischen so zerstrittenen DFB.

Von Holger Schmidt, dpa

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