Ist in Wolfsburg nicht mehr gefragt: Max Kruse. (Urheber/Quelle/Verbreiter: Swen Pförtner/dpa)

Nur wenige Minuten nach dem ersten Saisonsieg in Frankfurt bestätigte Niko Kovac, was viele schon seit Monaten vorausgesagt haben: Max Kruse wird unter ihm kein Spiel mehr für den VfL Wolfsburg bestreiten.

Den Rauswurf seines bekanntesten Spielers verkündete der neue Trainer live im Fernsehen und das dann auch noch so direkt und schnörkellos, wie man es von ihm kennt. «Wir verlangen von jedem Spieler eine 100-prozentige Identifikation und Konzentration und den Fokus auf den VfL. Das Gefühl hatten wir bei Max nicht», sagte Kovac in einem Sky-Interview.

Später in der Pressekonferenz zählte er auf, was er bei dem 14-maligen Nationalspieler sonst noch vermisst: «Keine Impulse, kein konstruktives Miteinander dahingehend, dass er der Mannschaft jetzt hilft. Wir haben ihm mitgeteilt, dass er nicht dabei ist und für uns in Zukunft keine Rolle spielen wird. Das heißt: Kein Spiel mehr!»

Nichts ist Kovac wichtiger als Fitness und Disziplin

Der Grundkonflikt zwischen den beiden war schon an dem Tag im Mai angelegt, an dem Kovac in Wolfsburg als Nachfolger des engen Kruse-Vertrauten Florian Kohfeldt verpflichtet wurde. Nichts ist dem neuen VfL-Coach wichtiger als Fitness und Disziplin. Der prominente Stürmer dagegen ist erkennbar nicht austrainiert und änderte offenbar auch unter Kovac nichts an seiner Haltung zu Professionalität und Trainingsfleiß. Schon der damalige Bundestrainer Joachim Löw warf ihn 2016 mit einer beinahe wortgleichen Begründung aus der Nationalmannschaft: «Ich möchte Spieler, die sich auf den Fußball und die EM konzentrieren, auch zwischen den Spielen.»

Kruse selbst äußerte sich vorerst nicht zu seiner Degradierung. Er postete bei Instagram nur ein zusammenhangloses Foto von sich in einem Aufzug. Über die Entscheidung des Vereins sei der 34-Jährige «selbstredend nicht erfreut gewesen», sagte Sportdirektor Marcel Schäfer. Das daraus folgende Problem ist nur: Da Kruses Ausbootung neun Tage nach dem Ende der Transferfrist erfolgte, kann er den VfL nicht mehr sofort verlassen und wird deshalb auch vorerst weiter mit der Mannschaft trainieren. Entweder man einigt sich auf eine vorzeitige Auflösung seines noch bis 2023 laufenden Vertrags oder Kruse verlässt den VfL im Winter – bevorzugt Richtung USA. Auf etwas anderes können die Wolfsburger im Moment nicht hoffen.

Kruses Rauswurf sei «keine Entscheidung gegen einen»

Trotz seiner erfolgreichen Zeiten in Freiburg, Mönchengladbach oder Bremen: Dass Clubs und Trainer immer weniger bereit sind, Kruses Fitness-Defizite und seinen Individualismus zu tolerieren, zeigte sich schon in der vergangenen Saison bei Union Berlin. Auch dort setzte ihn Urs Fischer auf die Bank. Auch dort störten sich viele an Privilegien wie Kruses Hochzeit einen Tag nach und zwei Tage vor dem nächsten Spiel. «Er ist ein begnadeter Spieler», sagte Sportchef Oliver Ruhnert im ZDF-Sportstudio. «Man muss aber auch wissen, dass er seinen Kopf und seine eigene Sicht auf die Dinge hat.»

Die Wolfsburger holten ihn im Januar als Schlüsselspieler für den Abstiegskampf – und weil Kruse mit dem Kovac-Vorgänger Kohfeldt ein besonders vertrauensvolles Verhältnis pflegt. In seinem Vertrag war sogar die Klausel enthalten, dass Kruse den VfL für eine geringe Ablösesumme verlassen darf, falls Kohfeldt nicht mehr Trainer ist.

Aber zwischen Kovac und Kruse schien es anfangs noch zu passen. «Max ist ein toller Junge, ich habe nur Positives zu berichten», sagte der neue Trainer im Juli. Doch die von vornherein bestehenden Gräben wurden immer größer. Kovac predigt seit Wochen den Gemeinsinn, Kruse dagegen «präsentierte sich weiterhin als Entertainer in eigener Sache», kommentierte der «Kicker».

Ob der VfL nun gut spielte oder schlecht, ob Kruse dabei war oder nicht: Ein einziger Spieler zog an diesem medial nicht besonders gefragten Standort die gesamte Aufmerksamkeit auf sich. Auch das nervte den Trainer. Kruses Rauswurf sei «keine Entscheidung gegen einen», sagte Sportdirektor Schäfer. «Sondern für die Mannschaft und die aktuelle Situation.»

Von Sebastian Stiekel und Andreas Schirmer, dpa

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