Fußballfans stürmen das Spielfeld im Kanjuruhan-Stadion nach dem Spiel zwischen Arema FC und Persebaya FC. (Urheber/Quelle/Verbreiter: Yudha Prabowo/AP/dpa)

Die schrecklichen Bilder von einer der schwersten Stadion-Katastrophen der Geschichte erschüttern die Fußball-Welt. Mindestens 125 Menschen kamen in Indonesien bei Ausschreitungen von Zuschauern, einem Tränengas-Einsatz der Polizei und einer anschließenden Massenpanik nach einem Erstliga-Spiel ums Leben.

Auch Gianni Infantino zeigte sich schockiert. Es sei «eine Tragödie jenseits aller Vorstellungskraft» und markiere einen «dunklen Tag» in der Geschichte des Fußballs, sagte der Präsident des Weltverbands FIFA. «Die Fußball-Welt ist nach den tragischen Vorfällen in einem Schockzustand».

Auch UEFA-Präsident Aleksander Ceferin brachte «im Namen des europäischen Fußballs unseren tiefen Schock und unsere Trauer» zum Ausdruck. Allen Betroffenen versicherte er «Mitgefühl und Solidarität». Papst Franziskus äußerte sich ebenfalls tief erschüttert. «Ich bete auch für diejenigen, die bei den Zusammenstößen nach einem Fußballspiel in Malang, Indonesien, ihr Leben verloren haben und verletzt wurden», sagte das Oberhaupt der katholischen Kirche nach dem Angelus-Gebet vor Gläubigen auf dem Petersplatz in Rom.

Platzsturm

Die Tragödie hatte sich in der indonesischen Provinz Ost-Java bei der Partie zwischen Arema FC und Persebaya FC ereignet. Im Anschluss an das 2:3 von Arema hatten in Malang etwa 3000 Zuschauer den Platz des Kanjuruhan-Stadions gestürmt – mit katastrophalen Folgen. Insgesamt seien 125 Menschen gestorben, teilte der nationale Polizeichef Listyo Sigit Prabowo mit. Zuvor hatten die Behörden die Zahl der Toten mit 174 angegeben, dabei seien Leichen jedoch mehr als einmal gezählt worden. Der Leiter der örtlichen Zivilschutzbehörde, Budi Santoso, sprach zudem von mehr als 300 Verletzten. Bei einigen sei der Zustand kritisch. 

34 Menschen seien auf dem Spielfeld ums Leben gekommen, alle weiteren in Krankenhäusern, sagte der Polizeichef der Provinz, Nico Afinta, laut dem Radiosender Elshinta und dem Sender tvOne. Zur Ursache für die Ausschreitungen machte er zunächst keine Angaben. 

Er erklärte auf einer Pressekonferenz aber, dass die Polizei Tränengas eingesetzt hätte, um randalierende Fans zu zerstreuen. Beim Sender Kompas TV berichtete ein Zeuge: «Als wir auf die Tribüne zurückkehrten, feuerte die Polizei Tränengas ab. Wir kämpften uns zum Ausgang durch. Es war überfüllt, heiß und zum Ersticken.» Ein zweiter Zuschauer behauptete, das Chaos sei erst ausgebrochen, nachdem die Polizei mit Gewalt gegen Zuschauer auf dem Spielfeld vorgegangen sei. 

Verwüstungen und Chaos

Polizeichef Afinta, der auch zwei tote Polizisten betrauerte, wehrte sich gegen die Vorwürfe. «Wenn sich die Fans an die Regeln gehalten hätten, wäre es nicht zu diesem Vorfall gekommen», sagte er. Auch außerhalb des Stadions kam es zu Unruhen. Insgesamt sollen 13 Fahrzeuge und Teile des Stadions beschädigt worden sein. Die Bilder von Fotografen deuten das ungeheure Ausmaß des ganzen Chaos an: demolierte Polizeiautos im Stadion, brennende Gegenstände, Rauchschwaden und Menschen, die entweder tot oder schwer verletzt vom Platz getragen werden. 

«Ich bin unsagbar traurig über die Vorfälle. Die Verarbeitung wird sicherlich lange brauchen», sagte Trainer Thomas Doll, der seit April beim indonesischem Erstligisten Persija Jakarta angestellt ist, der «Bild». «Ich habe schon die ersten Gespräche mit meinen Spielern dahingehend geführt. Sie alle sind verständlicherweise sehr betroffen. Das hat nichts mehr mit Fußball zu tun. Das alles macht schon sehr, sehr nachdenklich.» Nachdem er und sein Team im Mannschaftshotel von der Nachricht erfahren hatten, «wurden wir aus Sicherheitsgründen in gepanzerten Polizeiwagen zu unserem in 40 Kilometer abgestellten Team-Bus gefahren und sind unter Polizeischutz nach Jakarta zurückgekehrt», berichtete der frühere Nationalspieler.

42.000 Menschen sollen sich im Stadion befunden haben. Alle seien Arema-Fans gewesen, weil der Veranstalter den Gäste-Fans den Zutritt zum Stadion aus Sorge vor Schlägereien verboten hatte. «Ich bin zutiefst schockiert und traurig über diese tragischen Nachrichten aus dem fußballbegeisterten Indonesien», sagte der Präsident des asiatischen Fußball-Verbandes AFC, Salman bin Ebrahim Al Khalifa.

«Gründliche» Untersuchung gefordert

Der indonesische Präsident Joko Widodo sprach den Hinterbliebenen der Opfer sein Beileid aus und forderte in einer Ansprache eine «gründliche» Untersuchung. Er hoffe, «dass dies die letzte Fußballtragödie in diesem Land ist». 

Der indonesische Verband setzte den Spielbetrieb in der ersten Liga zunächst für eine Woche aus. Arema wurde die Austragung von Heimspielen für den Rest der Saison untersagt. Zudem habe der Verband ein Untersuchungsteam eingesetzt, das noch am Sonntag seine Arbeit aufnehmen sollte. Indonesien ist vom 20. Mai bis 11. Juni 2023 Gastgeber der FIFA U20-Weltmeisterschaft mit 24 teilnehmenden Mannschaften. Als Gastgeber ist das Land automatisch für das Turnier qualifiziert.

Die Menschenrechtsorganisation Amnesty International setzt sich derweil für eine Untersuchung des Tränengaseinsatzes durch die Polizei ein. Es müsse sichergestellt werden, «dass eine derartige herzzerreißende Tragödie nie wieder passiert», sagte Usman Hamid von Amnesty International in einer Mitteilung. Tränengas solle niemals auf begrenztem Raum eingesetzt werden.

Die Clubs Arema und Persebaya drückten den Opfern und ihren Familien ihr Mitgefühl aus. «Arema FC spricht tiefes Beileid für die Katastrophe in Kanjuruhan aus. Das Management von Arema FC ist auch für den Umgang mit den Opfern verantwortlich, sowohl für die Toten als auch für die Verletzten», sagte Vereinschef Abdul Haris. «Bei den Familien der Opfer entschuldigt sich das Management von Arema FC zutiefst und ist bereit, eine Entschädigung zu leisten. Das Management ist bereit, Vorschläge für den Umgang mit der Katastrophe anzunehmen, damit viele gerettet werden», erklärte Haris.

Die Massenpanik in Indonesien ist eine der schwersten Katastrophen der Fußball-Geschichte. Die Deutsche Presse-Agentur dokumentiert weitere besonders schwere Unglücke:

1. Februar 2012

74 Tote und rund 1000 Verletzte in der ägyptischen Stadt Port Said nach dem Ende der Partie zwischen Al-Masri und Al-Ahli. 

10. Mai 2001

127 Tote in Ghana beim Spiel zwischen den Accra Hearts of Oak und Kumasi Asante Kotoko.

16. Oktober 1996

84 Tote beim WM-Qualifikationsspiel zwischen Guatemala und Costa Rica, 147 werden verletzt.

15. April 1989

96 Tote und mehr als 700 Verletzte bei einer Panik im Hillsborough-Stadion von Sheffield bei der Partie des FC Liverpool gegen Nottingham Forest.

29. Mai 1985

39 Tote und mehr als 400 zum Teil Schwerverletzte beim Europacup-Finale FC Liverpool gegen Juventus Turin im Brüsseler Heysel-Stadion.

20. Oktober 1982

Mindestens 66, nach unbestätigten Angaben sogar bis zu 340 Tote, nach dem UEFA-Pokalspiel Spartak Moskau gegen den FC Haarlem.

17. Februar 1974

48 Tote in Kairo vor dem Spiel al Zamalek SC gegen Dukla Prag.

2. Januar 1971

66 Tote in Glasgow nach dem Lokalderby der Rangers gegen Celtic.

23. Juni 1968

73 Tote in Buenos Aires vor dem Spiel Boca Juniors gegen Rio de la Plata.

24. Mai 1964

Mehr als 300 Tote bei Tumulten beim Länderspiel Peru gegen Argentinien in Lima. 500 Menschen werden schwer verletzt.

Von Ahmad Pathoni, Jörg Soldwisch und Denise Sternberg, dpa

Von