Der Trainer der deutschen Nationalmannschaft: Hansi Flick. (Urheber/Quelle/Verbreiter: Thomas Boecker/DFB/dpa)

Kurz vor dem Finale der Fußball-Weltmeisterschaft zwischen Argentinien und Frankreich blickt Hansi Flick auf seine enttäuschende Turnierbilanz in Katar.

Der Bundestrainer analysiert in der Zentrale des Deutschen Fußball-Bundes in Frankfurt das Vorrunden-Aus der Fußball-Nationalmannschaft. Flick schwankt dabei im Interview der Deutschen Presse-Agentur zwischen der Bewertung eigener Versäumnisse und der Beschreibung äußerer Umstände. Richtung Heim-EM 2024 hofft er auf mehr Fan-Zuspruch. 

Frage: Mit zwei Wochen Abstand zum WM-Aus, wie geht es Ihnen? Wieviel WM ist noch im Kopf?

Hansi Flick: Bis gestern war alles gut. Jetzt hat mich wieder eine Erkältung erwischt. Natürlich ist die Enttäuschung noch da. Wenn man die Spiele sieht, kommt der Gedanke, „hätten wir da auch sein können?“ Die Frage muss man sich stellen. Aber es ist nun mal so, dass wir frühzeitig ausgeschieden sind, und dafür müssen wir die Verantwortung übernehmen. Es ist einfach sehr, sehr schade.

Wie weit sind Sie mit Ihrer sportlichen Analyse des WM-Scheiterns?

Flick: Wenn man die ganzen Daten übereinanderlegt, muss man schon sagen, dass wir mit die Mannschaft sind, die die meisten Torchancen heraus gespielt hat. Uns hat die Effizienz gefehlt. Und defensiv war es einfach nur Durchschnitt, weil wir da zu wenig Kompaktheit hatten. Die Gegner haben das eiskalt ausgenutzt. Japan und Costa Rica haben gegen uns aus drei Torchancen jeweils zwei Tore gemacht. Sie hatten die Effizienz, die uns fehlte. Es war auch so, dass wir es nicht geschafft haben, den Matchplan über 90 Minuten durchzuziehen. Mal zu 100 Prozent durchperformen – das ist eine Sache, die wir brauchen. Für die Zukunft ist das sehr wichtig.

Die Kritik fokussierte sich auf Ihre Wechsel gegen Japan. Zurecht?

Flick: Die Herausforderung bestand darin, eine Kompaktheit herzustellen. Es war in der zweiten Halbzeit ein komplett anderes Spiel. Wir wollten mit der Umstellung ein bisschen mehr Kompaktheit haben und mit Jonas Hofmann und Leon Goretzka nochmal frische Kräfte für die Offensive. Durch zwei, drei Fehler, haben wir die Japaner eingeladen, und sie haben es eiskalt ausgenutzt. Die Fehler darf man sich bei so einer WM nicht leisten. Bei der Champions-League-Endrunde 2020 hat man sich auch keine Fehler leisten dürfen, sonst bist du weg. Auf diesem Niveau ist es wichtig, dass du Kontinuität hast, Konstanz hast in deiner Leistung. Das haben wir nie über 90 Minuten abgerufen.

Wie sind die Eindrücke bei der WM generell? Welche Fähigkeiten brauchte man für Erfolg?

Flick: Wenn man die Mannschaften anschaut, die im Halbfinale standen: Das sind Mannschaften, die defensiv agieren. Und wenn man Marokko gegen Frankreich sieht, da gab es Phasen, in denen sie sehr gut Fußball gespielt und zugleich mit großer Leidenschaft verteidigt haben. Das sind Dinge, die man da letztendlich rausstellen kann. Diese Energie und diese Passion hat man bei uns im Spanien-Spiel erkennen können. Letztendlich ist es die Basis, die Grundvoraussetzung, dass man ein Turnier erfolgreich spielt.

Ohne die 30 Minuten gegen Japan – wäre die deutsche Mannschaft überhaupt konkurrenzfähig mit Argentinien und Frankreich?

Flick: Wenn man die zurückliegenden Spiele sieht, haben wir gegen ein Italien im Umbruch, gegen England, gegen die Niederlande nicht verloren, wenn man es positiv nehmen will. Wir haben aber auch nicht gewonnen. Man sieht, dass wir uns gegen solche Mannschaften einen Tick leichter tun. Trotzdem ist es wichtig, dass wir in jedem Spiel, gegen jeden Gegner, die Konstanz drin haben, die Disziplin haben, zu 100 Prozent alles abzurufen, über die gesamte Spielzeit.

War die Mannschaft zu wenig eingespielt? Fehlten die Automatismen?

Flick: Das sind keine Ausreden, aber wir hatten viele Spiele, in denen uns einige Spieler wegen Corona gefehlt haben oder aus anderen Gründen ausgefallen sind. Zum Beispiel beim Spiel in Wolfsburg im November 2021, als wir auf sechs oder sieben Spieler verzichten mussten. Im Oman wollten wir zwei Mal 45 Minuten mit verschiedenen Mannschaften spielen, das ging nicht, weil wir nur sechs Mal auswechseln durften. Sonst hätte eine erste Mannschaft gespielt. Deswegen haben wir uns für Belastungssteuerung entschieden. Wir hatten dann vier Tage Zeit, normalerweise muss das reichen. Alles andere, was ansonsten drumherum war, muss man ausblenden. Und wenn die Effizienz besser gewesen wäre, würden wir uns über solche Dinge nicht unterhalten.

Was können Sie aus dem Turnier lernen und was braucht der deutsche Fußball generell an Impulsen?

Flick: Wir sind in der Bringschuld. Wir müssen wieder Begeisterung erzeugen. Jeder Spieler, jeder Trainer will, dass wir unterstützt werden. Aber wir wissen, dass durch die letzten Turniere die Grundstimmung ohnehin gedrückt war und dass sie durch Katar nicht besser geworden ist. Wir wollen attraktiven Fußball zeigen. Wir wollen als Mannschaft den Fans zeigen: Wir haben es kapiert, wir wollen alles geben, wir wollen für Deutschland spielen, wir sind stolz darauf und wir freuen uns auf diese Heim-EM. Man muss alles geben, damit man in jedem Spiel eine Top-Performance bringt. Das ist unsere Aufgabe und dann hoffen wir, dass die Fans uns unterstützen. Davon sind wir auch überzeugt.

Inwiefern hat Sie die Nationalmannschafts-Müdigkeit in der deutschen Öffentlichkeit in Katar erreicht und beschäftigt?

Flick: Über diesen Punkt kann man lange diskutieren. Ich würde gerne die Gegenfrage stellen: Haben wir in Deutschland alles dafür getan, damit sich die Menschen auf die WM freuen konnten?

Die schlechte Stimmung kulminierte in der Affäre um die One-Love-Kapitänsbinde. DFB-Präsident Bernd Neuendorf hat Fehler eingeräumt. Hätten Sie reingrätschen müssen?

Flick: Der französische Präsident Emmanuel Macron hat sinngemäß gesagt, „der Fußball wird zu sehr politisiert. Unsere Spieler sollen sich auf Fußball konzentrieren. Politik mach ich“. Das wäre ein gutes Zeichen gewesen, auch für uns. Es ist so, dass die Stimmung in Deutschland gegen Katar war und viele gesagt haben, ich schaue mir das nicht an. Es ist schade. Ich fand es begeisternd, die Fans anderer Mannschaften zu sehen, die ihr Team bedingungslos unterstützt haben. Darauf sollte der Fokus auch bei uns wieder mehr liegen, dass wir für Deutschland möglichst erfolgreich Fußball spielen. Das ist unsere Aufgabe – es wäre schön, wenn man uns das zugesteht. Für die Politik sind andere ausgebildet.

Welche personellen Änderungen sind notwendig mit Blick auf die Heim-EM 2024?

Flick: Was die Altersdiskussion betrifft: Italien hat mit Bonucci und Chiellini gezeigt, dass Spieler noch im hohen Alter Top-Leistungen abliefern und Erfolg haben können. Sie sind Europameister geworden. Deswegen kann man nie kategorisch sagen, jemand ist zu alt. Es geht um den Leistungsgedanken – und der ist bei uns vorhanden.

Sie haben aber schon einige Perspektivspieler wie Youssoufa Moukoko mit zur WM genommen.

Flick: Es tut einer Mannschaft gut, wenn frischer Wind reinkommt. Wir haben einige gute, sehr talentierte junge Spieler, die nachkommen. Da müssen wir unseren Blick auch drauf richten, weil es um die Zukunft geht. Wir haben eineinhalb Jahre Zeit. Wir wollen versuchen, den einen oder anderen zu begleiten, dass er den nächsten Schritt macht, sich so verbessert, dass er für uns ein Thema ist oder sich festspielt. Das ist unsere Aufgabe als Trainerteam. Wir müssen genau beobachten und bewerten, was ist die beste Mannschaft, was ist die beste Elf? Das müssen nicht immer die besten elf Spieler sein, sie müssen sich gut ergänzen, eine gute Verbindung haben. Das ist mehr wert als alles andere.

Das heißt, auch Thomas Müller bleibt ein Thema für die EM, trotz seiner als Abschiedsrede empfundenen Worte im TV nach dem Costa-Rica-Spiel?

Flick: Ich werde in den kommenden Tagen versuchen, mit jedem Spieler zu sprechen, auch, um damit die WM dann abzuschließen. Und dann werde ich auch mit Thomas reden. Wir haben schon kurz gesprochen, aber noch nicht im Detail.

Wie ist die Situation für Manuel Neuer nach seinem Beinbruch?

Flick: Manuel ist erstmal verletzt. Das tut mir richtig leid, weil es nach der WM nochmal eine Situation ist, die nicht ganz leicht ist. Bei ihm ist es erstmal das Entscheidende, dass er wieder fit wird, dass er zu alter Form wieder kommt.

Wie finden Sie den neuen Expertenrat, der einen Nachfolger für Oliver Bierhoff finden soll? Er besteht nur aus relativ alten Männern, so die Kritik.

Flick: Zunächst muss man sehen, dass das absolute Persönlichkeiten des deutschen Fußballs sind, die alle sehr viel Erfahrung haben. Sie wissen, worauf es ankommt. Deswegen finde ich es großartig, dass sie sich bereiterklärt haben, beratend zur Seite zu stehen. Es gibt daneben noch einen anderen Expertenkreis. Ich glaube, dass das eine gute Wahl ist, diese Gremien werden sich gut ergänzen. Es gibt den Bereich Nationalmannschaft, mit der Frage, wo geht es hin und der Frage, wie wir den wichtigen Schulterschluss mit den Vereinen hinbekommen. Denn klar ist, dass wir nur gemeinsam erfolgreich sein können. Wir müssen in die gleiche Richtung gehen. Der andere Kreis mit Célia Sasic und Philipp Lahm hat auch eine große Bedeutung, weil da mehr Wissen darüber vorhanden ist, was im DFB passiert. Deswegen glaube ich, dass das eine gute Kombination ist.

Ihre Aussagen zum Abschied von Oliver Bierhoff waren sehr emotional, sehr ungewöhnlich für das Profi-Geschäft. Schließen Sie aus, dass Sie als Bundestrainer dann doch nicht weitermachen, sollte Ihnen der Bierhoff-Nachfolger nicht zusagen?

Flick: Ich bin überzeugt davon, dass es passen wird. Für mich war es nie ein Gedanke, zurückzutreten. Der Austausch mit Bernd Neuendorf und Hans-Joachim Watzke ist gut, wir haben eine gute Basis. Meine Worte zu Oliver Bierhoff waren mir wichtig. Ich weiß, wie schnell es geht. Der König ist tot, es lebe der König. Das wird ihm nicht gerecht. Mir ging es darum, ihn zu würdigen. Wir sitzen jetzt im DFB-Campus. Ohne ihn würden wir noch in der Otto-Fleck-Schneise sein. Oliver hat viel für den deutschen Fußball getan, das wollte ich zum Ausdruck bringen. Und das heißt keinesfalls, dass ich mit seinem Nachfolger nicht vertrauensvoll zusammenarbeite.

Mit ein bisschen Abstand – ist ein Aufbruch mit neuer personeller Besetzung auf dem Posten des DFB-Geschäftsführers nicht doch notwendig?

Flick: Das will ich nicht bewerten. Noch einmal: Oliver Bierhoff hat dem deutschen Fußball sehr viel gegeben. Er ist kein Hindernis, wenn man Erfolg haben will.

Was wünschen Sie sich für das neue Jahr?

Flick: Erstmal hoffe ich, dass alle Spieler, alle Trainer und der gesamte Betreuerstab gesund bleiben. Dass sie Weihnachten genießen, dass sie mal durchatmen. Auch, um zu reflektieren und sich zu fragen, was man in Zukunft erreichen will und was man dafür investieren muss. Persönlich freue ich mich sehr auf die Zeit mit der Familie.

Mit welchen guten Vorsätzen gehen Sie hinein?

Flick: In Zukunft wollen wir die Fans mit unserem Auftritt wieder begeistern, wir wollen, dass die Fans uns bedingungslos unterstützen, auch dann, wenn es Rückschläge gibt. Wir müssen dahin kommen, dass die Fans dann dennoch hinter uns stehen. Wir müssen so auftreten, dass man trotzdem sagt, okay, das sind elf auf dem Platz und nochmal sechs bis acht draußen – und die geben alles für Deutschland. Das möchte ich sehen, von der Mannschaft, vom Trainerteam, von den Betreuern, dass wir alles geben, und natürlich, dass wir dann eine erfolgreiche Euro spielen.

ZUR PERSON: Hansi Flick (57) ist seit August 2021 Bundestrainer. Bei der WM in Katar schied er mit der Fußball-Nationalmannschaft in der Gruppenphase aus. Dennoch soll er die DFB-Elf zur EM 2024 führen. Beim Heimturnier möchte der ehemalige Bundesliga-Profi des FC Bayern München an die Erfolge anknüpfen, die er mit dem WM-Sieg 2014 als Assistent von Joachim Löw und als Münchner Club-Trainer mit sieben Titeln hatte.

Arne Richter, dpa

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