Führt das DFB-Team gegen Peru: Joshua Kimmich (l) und Bundestrainer Hansi Flick. (Urheber/Quelle/Verbreiter: Arne Dedert/dpa)

Bloß keine Politik mehr, sondern nur noch Fußball, Fußball, Fußball: In resoluter Basta-Manier haben Rudi Völler und Hansi Flick das für sie leidige Binden-Thema bei der Nationalmannschaft zum Neustart Richtung Heim-EM 2024 für beendet erklärt.

Mit der Rückkehr zur schwarz-rot-goldenen Kapitänsbinde soll die hochemotionale WM-Debatte um das bunte One-Love-Symbol nicht wieder auflodern. «Wir sollten nach vorne schauen. Wir sollten gucken, dass wir eine gute EM spielen», postulierte Flick seine Hoffnung als Bundestrainer.

Joshua Kimmich wird als Vertreter des verletzten Manuel Neuer zum Jahresauftakt im ersten Testländerspiel am Samstag (20.45 Uhr/ZDF) in Mainz gegen Peru und auch danach in Köln gegen Belgien wieder die traditionelle Spielführerbinde in den Nationalfarben tragen. Diese Entscheidung war von Sportdirektor Völler, Flick und Kimmich in Gesprächen getroffen worden. DFB-Präsident Bernd Neuendorf war nach Informationen der Deutschen Presse-Agentur involviert und gab sein Okay. Schnell machte die Nachricht am Rande des Trainings von Kimmich und Co. auf dem DFB-Campus in Frankfurt die Runde.

Unerwünschter Effekt

Der von Flick unerwünschte Effekt: Ausgerechnet durch diesen Beschluss ging es bei der Vorbereitung auf das Peru-Duell gleich wieder um gesellschaftspolitische Fragen – statt ausschließlich um Sport. Dass dann auch noch das Karriereende von Mesut Özil als Top-Nachricht aus Istanbul eintraf, entbehrte nicht einer gewissen Ironie. Der Ex-Weltmeister hatte durch seinen Foto-Skandal mit dem türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan den DFB in eine sportpolitische Zwickmühle geführt, die die WM 2018 in Russland negativ überstrahlte.

Fußball ohne Politik, das ist vielleicht doch vor allem ein hehrer Wunsch von Flick und Völler. Beim großen Gruppenfoto mit den U21-Junioren auf dem DFB-Campus stand Kimmich am Mittwoch fast versteckt in der letzten Reihe. Nur sein Gesicht war gerade so zu sehen. In seinem 75. Länderspiel werden aber alle Kameras und Blicke auf das Stück Stoff an seinem linken Oberarm gerichtet sein; zwangsläufig, angesichts der jüngeren Binden-Historie.

Auch die erste Frage bei der täglichen Pressekonferenz an Fan-Liebling Niclas Füllkrug drehte sich fast unvermeidlich um den neuen DFB-Binden-Beschluss. «Ich glaube, es ist ganz wichtig, dass wir auch aus dieser Situation lernen. Hansi hat das ganz offen angesprochen, dass der Fokus bei uns völlig auf dem Fußballerischen liegt, auf unserer Leistung», sagte Werder-Stürmer Füllkrug. «Ich glaube, dass es das Richtige ist, dass wir signalisieren, dass wir alles dafür tun, unsere beste Leistung zu bringen und alles, um unsere Fans glücklich und fröhlich zu machen», fügte der 30-Jährige an.

Lehre aus WM-Erfahrungen

Flick hatte zuvor schon betont, dass das Thema für ihn beendet sei. «Ich habe dazu alles gesagt. Es darf nicht noch mal so sein, dass diese Dinge im Fokus stehen, sondern die Mannschaft sollte einfach Fußball spielen. Sie soll gut Fußball spielen, das ist ihr Auftrag. Da sind wir uns einig», sagte der Bundestrainer nach den WM-Erfahrungen in Katar.

Die Farbwahl für das Spielführer-Zeichen gilt für alle Länderspiele bis zum Heimturnier im Sommer kommenden Jahres. Bei der EM vom 14. Juni bis 14. Juli 2024 selbst wird dann der Kontinentalverband UEFA wieder über die Kapitänsbinden entscheiden. Logo und Farben sind noch nicht bekannt. Bei der EM 2021 hatte die UEFA DFB-Kapitän Manuel Neuer das Tragen einer Binde in Regenbogenfarben nach ebenfalls intensiven Diskussionen gestattet.

Die Diskussion um die Spielführerbinde mit dem One-Love-Symbol war durch den Streit mit der FIFA bei der WM vor dem ersten Gruppenspiel gegen Japan (1:2) eskaliert. Der DFB hatte wie einige andere Teams, darunter England, Wales und die Niederlande, mit der Binde ein Zeichen für gesellschaftliche Vielfalt setzen wollen. Dies war vom Weltverband mit der Androhung «unbegrenzter Sanktionen» kurzfristig untersagt worden. Daraufhin hatte sich der DFB gebeugt und Neuer die von der FIFA vorgeschriebene Binde getragen.

Hand-vor-dem-Mund-Geste bei der WM

Die DFB-Spieler reagierten damals beim Teamfoto vor dem Anpfiff der Partie gegen Japan mit der Hand-vor-dem-Mund-Geste auf das FIFA-Diktat. Die Stimmung war aufgeladen und der Konzentration auf die sportlichen Ziele sicherlich nicht zuträglich. Nach dem sportlichen Scheitern entlud sich Spott auf den Spielern. Bundesinnenministerin Nancy Faeser (SPD) hatte als Tribünengast im Khalifa International Stadium in Doha die bunte Binde aber getragen und dafür ebenfalls Kritik geerntet.

Nach dem unrühmlichen Turnier-Aus in der Gruppenphase war die Debatte nicht vorbei und führte bis in höchste politische Kreise, aber auch bei vielen Fans zu heftigen Debatten. Völler und Neuendorf mussten sich im Sportausschuss des Deutschen Bundestages auch dazu erklären.

Der nach der WM zum DFB-Sportdirektor ernannte Völler hatte sich für die schwarz-rot-goldene Binde ausgesprochen. Vor einer politischen Vereinnahmung schützt aber auch diese Entscheidung den DFB nicht. Die AfD hatte den Völler-Vorstoß für die Nationalfarben begrüßt, wogegen sich der Verband schnell verwahrte. «Unabhängig des Designs der Kapitänsbinde steht Schwarz Rot Gold für uns für demokratische Werte, für Vielfalt, Respekt und Gemeinschaft. Und nicht für Ausgrenzung und Intoleranz», teilte der Verband nach dem Lob der rechtspopulistischen Partei mit.

Arne Richter und Klaus Bergmann, dpa

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