Bundestrainer Hansi Flick hat Ilkay Gündogan zum Kapitän ernannt. (Urheber/Quelle/Verbreiter: David Inderlied/dpa)

Hansi Flick war gut gelaunt. Das war, neben der Ankündigung, dass Ilkay Gündogan die Fußball-Nationalmannschaft künftig als Kapitän anführt, die mit Spannung und ein wenig Argwohn erwartete große Nachricht vor der schwierigen Bewährungsprobe des Bundestrainers gegen WM-Schreck Japan.

Lächelnd, manchmal grinsend wirkte der 58-Jährige im umfunktionierten Nutzfahrzeuge-Pavillon des DFB-Partners VW entspannt und sagte: «Ich habe einfach Lust, diese Mannschaft noch zu betreuen.»

Die scharfe Kritik der vergangenen Wochen habe er kaum wahrgenommen, sagte er ungeachtet der extrem angespannten Lage im DFB-Kosmos. Wie nach der WM-Pleite in Katar lese er kaum noch was. «Das tut auch gut», sagte Flick vor dem komplizierten Wiedersehen mit den Japanern am Samstag (20.45 Uhr/RTL) im ausverkauften Wolfsburger Stadion. «Alle», betonte der nach den jüngsten Flop-Spielen ziemlich angezählte Bundestrainer, wüssten um die Bedeutung der kommenden beiden Partien. Am Dienstag folgt die noch schwerere Prüfung gegen den WM-Zweiten Frankreich.

Neue Spielphilosophie angekündigt

«Wir wollen uns gut vorbereiten und alles in die Spiele reinlegen», sagte Flick. Auch als Konsequenz der vergangenen, schwer enttäuschenden Monate mit nur vier Siegen in 16 Länderspielen kündigte er eine neue Spielphilosophie an – mit dem Münchner Joshua Kimmich zumindest vorerst in neuer Rolle. Der 28-Jährige sei ein «absoluter Profi und ein absoluter Teamplayer, der sich in den Dienst der Mannschaft stellt», betonte Flick. Er bestätigte indirekt, dass Kimmich wieder auf die von ihm ungeliebte rechte Verteidigerposition rücken muss. Öffentlich gesprochen hat Kimmich in dieser Woche nicht.

Flick gab sich dafür große Mühe, Gelassenheit und Souveränität auszustrahlen. In den vergangenen Tagen im hochsommerlichen Wolfsburg war wieder einiges schiefgegangen, angefangen mit der Verletzung von Niclas Füllkrug über Trainingsspione hin zu fragwürdigen Aussagen sowohl von innen (Kai Havertz) als auch von außerhalb (Hans-Joachim Watzke) des abgeschotteten DFB-Quartiers. Havertz hatte sich über fehlende Unterstützung der Fans beklagt, Watzke plump gegen die Nachwuchsreform im DFB gewettert.

«Die Nationalmannschaft ist etwas Besonderes. Und deshalb gibt es viele Themen, die uns aktuell aufgrund der Situation umtreiben», kommentierte Flick. Umtreiben – nicht belasten. Gemeinsam mit Gündogan zur Pressekonferenz zu kommen und gleich zu Beginn die Capitano-Ansage zu machen, war bei so vielen kritischen Themen eine aus DFB-Sicht gute Idee. Gündogan trägt die mittlerweile wieder schwarz-rot-goldene Binde. Kimmich gehöre aber ebenfalls zum «Führungsduo». Er denke, «das gibt uns eine neue Energie, die wir auch brauchen», sagte Flick.

Gündogan freut sich über Flicks Vertrauen

Der Weltklasse-Spieler Gündogan, der sich bei seinem neuen Club FC Barcelona in Katalonien nach wenigen Wochen des Einlebens sehr wohlfühlt, bedankte sich und sprach von einer «großen Ehre». Er freue sich über das Vertrauen und wisse, «dass das eine sehr große Verantwortung mit sich bringt», sagte der 32-Jährige, der den Überclub Manchester City zuletzt als Kapitän angeführt hatte. «Wir haben jetzt zwei sehr unangenehme Spiele», sagte Gündogan. Die Japan-Partie wird zeigen, ob Flick im veränderten System die perfekte Rolle für den Triple-Sieger gefunden hat. Im Sommer war das nicht gelungen.

«Es geht im Leben immer darum, dass wir aus Dingen der Vergangenheit lernen», sagte Flick. «Wir haben von den Spielen, von der WM vieles mitgenommen. Jetzt haben wir uns auf eine Idee, eine Spielphilosophie geeinigt und versucht, dass der Mannschaft zu vermitteln.» Statt des im Juni als einziger Lichtblick überzeugendem Malick Thiaw wird in der Innenverteidigung BVB-Rückkehrer Niklas Süle in die heiße Phase vor der Heim-EM starten.

Vielbeachtete WM-Doku

«Wie wollen wir die Mannschaft sehen? Aktiv, die Intensität wollen wir hochhalten. Wir hoffen, dass wir durch ein gutes Spiel auch das Vertrauen wieder bekommen in die Mannschaft. Das ist das Entscheidende», sagte Flick, dessen erster großer Auftritt in einer Pressekonferenz seit drei Monaten auf reges Medien-Interesse stieß. Ein Dutzend Kameras fing jede Regung des Bundestrainers ein.

Bei aller demonstrierten Fröhlichkeit wird Flick wissen, was sich über ihm zusammenbrauen würde, ginge das Japan-Spiel schief. Es ist erst das vierte Treffen mit den inzwischen sehr wettbewerbsfähigen Asiaten. Der 1:2-Schock im ersten WM-Gruppenspiel war der Anfang vom Ende in Katar. Die viel beachtete Dokumentation des Streamingdienstes Amazon über das WM-Aus habe er (auch deshalb?) noch nicht gesehen, berichtete Flick. In einer anderen Serie über seine Zeit beim FC Bayern ist passenderweise gut dokumentiert, dass Flick seinen Rücktritt beim Rekordmeister einst in der Kabine des Wolfsburger Stadions verkündet hatte.

Die erschienene WM-Doku endet damit, dass Flick als Bundestrainer zu keinem Zeitpunkt an einen Rücktritt gedacht habe. «Ich bin stolz und auch sehr dankbar, dass ich diese Spieler betreuen darf. Das macht wahnsinnig viel Spaß», sagte er nun in Wolfsburg. Die Woche in der VW-Stadt habe ihn und sein Trainerteam «überzeugt», sie seien «zufrieden, wie die Mannschaft das umgesetzt hat». Gelingen muss das jetzt auch vor den Fans.

Von Jan Mies und Klaus Bergmann, dpa

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