Die Bayern-Stars Joshua Kimmich (l) und Thomas Müller bedanken sich nach dem Spiel in Istanbul bei den Fans. (Urheber/Quelle/Verbreiter: Peter Kneffel/dpa)

Beim nächtlichen Bankett ließen sich die Bayern-Stars für «unfassbare» Rekordserien feiern. Nach einem emotionalen Champions-League-Abend bei ohrenbetäubendem Fan-Lärm erbat Vorstandschef Jan-Christian Dreesen im rötlich beleuchten Raffles Ballroom einen «grandiosen Applaus» für seine Gruppenphasen-Dauergewinner.

Ein schwieriges Thema wollte der 56-Jährige dabei aber «nicht aussparen»: Die heikle Personalie Noussair Mazraoui. Ohne Umschweife kam Dreesen, der seit Ende Mai als Nachfolger von Oliver Kahn die Geschäfte des deutschen Fußball-Rekordchampions führt, auf den marokkanischen Nationalspieler zu sprechen. Mazraoui, der nach einer Verletzung beim 3:1 gegen Galatasaray in die Startelf zurückkehrte, hatte viel Kritik durch seinen pro-palästinensischen Social-Media-Beitrag hervorgerufen.

«Wir wollen unseren Spieler Noussair Mazraoui natürlich in unsere Mannschaft voll integrieren. Es wird weitere Gespräche geben», sagte Dreesen. Via Saal-Mikrofon nahm er Bezug auf Aussagen von Trainer Thomas Tuchel, der in seiner Nähe zuhörte. Tuchel setzt auf den «Mikrokosmos Kabine». Damit könnten auch Unterschiede «kultureller und religiöser Art» in einem Miteinander münden.

Mazraoui saß bei der nächtlichen Runde an einem Tisch zusammen mit dem israelischen Torhüter Daniel Peretz, der sich in schwierigen Tagen um Familie und Freunde in der Heimat sorgt. Wie die «Bild» am Mittwoch berichtete, war es zuvor am Spieltag zwischen Mazraoui und Peretz zu einem Gespräch gekommen. Demnach hatte der Münchner Vereinspräsident Herbert Hainer das Treffen angeregt. Den Angaben zufolge sprach er im Mannschaftshotel zunächst einzeln mit den beiden Profis, dann gab es eine Unterredung zu dritt.

132 Dezibel im Stadion

«Ich bin sicher, dass es heute Abend gut ist, sich auf den Sport zu konzentrieren, den Abend zu feiern und vor allem dieses Spiel ein Stück weit Revue passieren zu lassen», sagte Dreesen nach den Trommelfell-Strapazen am Bosporus. Nicht nur Harry Kane, der zum 2:1 (73.) traf und dann noch das 3:1 (79.) durch Jamal Musiala vorbereitete, habe erst «sein Gehör wiederfinden» müssen.

Der Wert von 132 Dezibel durch Fan-Gesänge und Pfiffe war gemessen worden. «Das entspricht dem Geräuschpegel eines Düsenjets», sagte Dreesen. «Wir haben uns gefühlt wie neben einem Düsenjet bei diesem unglaublichen Spiel.» Die Edelfans durften nach diesem bei Garnelensalat, Lachs oder Baklava über die Rekordserien fachsimpeln. Die Münchner sind seit 37 Gruppenspielen in der Königsklasse ungeschlagen, die letzten 16 Partien gewannen sie allesamt. Acht Auswärtssiege am Stück sind ebenfalls Bestwert.

Bevor die Bayern im Rams Park eiskalt zuschlugen, mussten sie nach der frühen Führung durch Kingsley Coman (8.) nicht nur wegen des Foulelfmeters von Mauro Icardi (30.) heftigen Widerständen trotzen. «Wir mussten viel leiden in der ersten Halbzeit», sagte Tuchel. Kane war erleichtert: «Neun Punkte nach drei Spielen sind sehr wichtig.» Praktisch bedeutet es das Achtelfinale, denn mit so einer Startbilanz glückte das bislang immer.

Tuchel musste sich auch einen Scherz seines nach «unfassbaren Serien» froh gestimmten Chefs gefallen lassen. Nachdem Dreesen angesichts des zahlenmäßig nicht üppig besetzten Kaders den Trainer schon einmal zu kreativen Lösungen aufgerufen hatte, sagte er vor der Liga-Aufgabe am Samstag gegen Darmstadt 98 und dem Pokalspiel nächste Woche beim 1. FC Saarbrücken: «Lassen wir uns einen kleinen Scherz machen. Ich bin sicher, dass die Kreativität des Trainers auch da wieder Früchte tragen wird, lieber Thomas.»

Torwart Neuer vor Comeback

Dann könnte bald auch wieder Manuel Neuer mit dabei sein. Tuchel legte sich zwar noch nicht fest, ob Neuer tatsächlich am Samstag erstmals seit fast einem Jahr wieder im Bayern-Tor steht. Herbeigesehnt wird das große Comeback des seit Dezember nach einem Beinbruch verletzt fehlenden Kapitäns von allen im Ensemble.

«Ich gönne ihm das von ganzem Herzen, dass er zurückkommt», sagte Joshua Kimmich, der die Mannschaft als Kapitän anführte. Während Innenverteidiger Matthijs de Ligt dem Team angesichts der Leitungssteigerung nach der Pause einen «Riesen-Entwicklungsschritt» attestierte, war Kimmich da zurückhaltender. «Wir müssen uns mit beiden Aspekten beschäftigen. Zum einen, dass wir die Probleme hatten, zum anderen ist es schon gut, dass wir eine Reaktion zeigen in der zweiten Halbzeit», sagte der 28-Jährige.

In der vergangenen Saison habe man solche Spiele «oft hergeschenkt», sagte der starke Neuer-Vertreter Sven Ulreich, der bald wieder auf der Bank sitzt. «Ich kenne meine Rolle beim FC Bayern und Manu hat sich jetzt zurückgekämpft», sagte Ulreich, dem nach der «brutalen Stimmung» gar die Ohren schmerzten. Der 35-Jährige sprach darüber, dass man mit Mazraoui nach turbulenten Tagen nicht gesondert hätte reden müssen. «Er ist ja schon länger Profi, darum weiß er, um was es geht beim Fußball.» Er habe keinen Unterschied zum bisherigen Miteinander gemerkt.

Von Christian Kunz, dpa

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