Die WM-Vergabe scheint durch die Hinterzimmerpolitik von FIFA-Präsident Gianni Infantino längst entschieden zu sein. (Urheber/Quelle/Verbreiter: Ding Ting/Xinhua/dpa)

Es war eine schnöde Mitteilung vom anderen Ende der Welt, die den Weg für Saudi-Arabien praktisch endgültig frei machte. Der australische Verband kündigte zum Stichtag an, sich nicht um die Fußball-WM 2034 zu bewerben.

Kurz darauf bestätigte auch die FIFA, dass lediglich Saudi-Arabien eine Interessenerklärung abgegeben hat und damit als einziger Kandidat bei der Vergabe in einem Jahr verbleibt, die durch Gianni Infantinos Hinterzimmerpolitik längst entschieden scheint. Und die besonders in Deutschland jahrelange Diskussionen über Menschenrechte, Abhängigkeiten und die Untrennbarkeit von Sport und Politik nach sich ziehen wird. 

«Nach den Investitionen, die wir gerade in den Fußball und den Sport generell sehen, ist eine Fußball-Weltmeisterschaft quasi der logische Höhepunkt und in gewisser Art und Weise auch die Fortsetzung dessen, wie es Katar gemacht hat», sagte der Islam- und Politikwissenschaftler Sebastian Sons der Deutschen Presse-Agentur. 

Der 42 Jahre alte Berliner ist unter anderem Experte für Sportpolitik im arabischen Golfraum. «Es ist ein Partner, den wir mittlerweile brauchen: energiepolitisch, sicherheitspolitisch, aufgrund auch der Lage in der Region. Und das muss eben auch im Rahmen einer Fußball-Weltmeisterschaft zumindest diskutiert werden», sagte Sons über Saudi-Arabien.

Umstrittener als Katar

Das Königreich ist noch umstrittener als der Gastgeber der Endrunde 2022, der kleine Nachbar Katar. Er wolle die beiden Länder gar nicht vergleichen, sagte Wenzel Michalski in einem Gespräch der Deutschen Presse-Agentur. Die Menschenrechtssituation in Saudi-Arabien sei aber noch einen Grad schlimmer als in Katar, betonte der Deutschland-Direktor von Human Rights Watch. Für ihn steht fest: Eine WM in Saudi-Arabien gehe nicht.

«Weil die FIFA sich eine Menschenrechtsagenda gegeben hat, die besagt, dass Ausrichter von Weltmeisterschaften Menschenrechte einhalten müssen. Und das ist bei Saudi-Arabien bekanntermaßen überhaupt nicht der Fall», erklärte Michalski. Sie doch dorthin zu vergeben, wäre Betrug an denen, die der FIFA glauben würden, die sich gegebenen Menschenrechtsstandards auch zu verwirklichen.

Formal endete nun nur die Frist, zu der interessierte Verbände erste Unterlagen einreichen müssen. Folgen muss bis zur Vergabe durch einen FIFA-Kongress Ende 2024 noch die endgültige Bewerbung, die vom Weltverband geprüft wird. Abstimmen dürfen dann die über 200 Mitgliedsverbände, jeder Verband hat unabhängig der Größe eine Stimme. Widerstand – auch durch den Deutschen Fußball-Bund – kann es während der Wahl zwar geben. Saudi-Arabien hat als Sportmacht aber bereits etliche Unterstützer hinter sich gebracht. Auch Infantino.

An Katar hatte sich der FIFA-Präsident überhaupt nicht gestört, im Gegenteil. «Es wird einfach die beste Weltmeisterschaft der Geschichte, die größte Show der Welt», hatte der Schweizer mit Wohnsitz in dem Emirat vor einem Jahr gesagt. Zwölf Monate später sind die Diskussionen um Menschenrechte, um die «One Love»-Kapitänsbinde, um die Nachhaltigkeit und vieles mehr – abgehakt.

Infantinos Schachspiel

Dass 2026 in den USA, Kanada und Mexiko gespielt wird, steht längst fest. Die Vergabe der Turniere 2030 und 2034 entwickelte Infantino zum Schachspiel. Sein Council entschied, dass das Turnier 2030 mit drei Spielen in Uruguay, Argentinien und Paraguay beginnen soll. Danach soll nach Marokko, Spanien und Portugal umgezogen werden. Formal muss auch das noch vom FIFA-Kongress abgesegnet werden. Durch das Rotationsprinzip bleiben für 2034 nur Vertreter aus Asien und Ozeanien. Widerstand im Council gab es nicht – wie auch, wenn der DFB-Präsident Bernd Neuendorf damit gegen eine WM in Europa gestimmt hätte.

Die fehlende Konkurrenz bei der Vergabe für die Turniere 2030 und 2034 ist für Amnesty International auch ein Grund, die FIFA besonders in die Pflicht zu nehmen. «Es ist daher entscheidend, dass der Weltfußballverband Verantwortung übernimmt und verbindliche Menschenrechtsgarantien von den Bewerbern einfordert», hieß es in einer Stellungnahme. 

Saudi-Arabien, das Ende des Jahres die Club-WM der FIFA ausrichtet, lässt sich die Chance nicht entgehen. «Dies ist der zweite Schritt einer äußerst aufregenden Reise, die die Nation antritt», hatte Verbandschef Yasser Al Misehal zuletzt gesagt, als die Absichtserklärung bekannt wurde: Mit der Bewerbung «setzen wir unsere Reise fort, die Träume unseres Volkes Wirklichkeit werden zu lassen».

Der Fußball habe in Saudi-Arabien eine «exorbitante gesellschaftliche Bedeutung», betonte Wissenschaftler Sons vom Forschungsinstitut CARPO. Und um auch über die eigenen Grenzen hinaus diesbezüglich (positiv) wahrgenommen zu werden, gibt Saudi-Arabien Unsummen aus, holte Superstar Cristiano Ronaldo und eine Reihe weitere namhafte und hochdekorierte Spieler in die heimische Liga. Im gesamten Weltsport finden Wettbewerbe längst am Golf statt, zuletzt ein millionenschwerer Boxkampf.

Massive Investitionen

Im Zuge der massiven Investitionen in den Sport zur Image-Aufpolierung scheiterte Saudi-Arabien zwar zumindest beim Versuch, auch noch Lionel Messi zu verpflichten. Der argentinische Weltmeister ist allerdings bereits hoch bezahlter Botschafter für das Tourismusbüro von Saudi-Arabien. Und das fungiert wiederum als Topsponsor der neuen afrikanischen Super League. Dass das bei einer Wahl eines WM-Gastgebers auch Stimmen von den dortigen Föderationen bringen könnte, lässt sich vermuten. So bleibt der Ball auf dem Spielfeld.

Wie sich der DFB in der Debatten verhalten soll, der schon in Katar äußerst unglücklich aufgetreten war? Dabei sei es es grundsätzlich wichtig, dass erst mal eine politische Linie gegenüber dem Land gefunden werde, an der sich dann ein Verband orientieren könne, meinte Sons. Das Auswärtige Amt beispielsweise schreibt: «Saudi-Arabien ist nach den Vereinigten Arabischen Emiraten Deutschlands zweitwichtigster Handelspartner im arabischen Raum, Deutschland seinerseits Saudi-Arabiens viertgrößter Lieferant.»

Jens Marx und Jan Mies, dpa

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