Bayern-Trainer Thomas Tuchel beim Abschlusstraining vor dem Halbfinal-Rückspiel. (Urheber/Quelle/Verbreiter: Peter Kneffel/dpa)

An ein «Adiós Wembley» mochte keiner im kämpferisch eingestellten Champions-League-Tross des FC Bayern um Trainer Thomas Tuchel und Torgarant Harry Kane auf dem Charterflug ins sonnige Madrid denken. Nein, ein Scheitern beim letzten Schritt zum Traumziel London in einer bislang mauen Fußball-Saison mit vielen sportlichen Tiefschlägen und der von frustrierenden Absagen geprägten Trainersuche soll in der Real-Festung Bernabéu mit 80.000 frenetischen Fans mit aller Macht abgewendet werden.

Der bei der Fahndung nach dem Tuchel-Nachfolger bislang glücklose Sportvorstand Max Eberl verkündete den Münchner Erfolgsplan für das große Halbfinal-Rückspiel am Mittwoch (21.00 Uhr/DAZN): «Wir werden alles versuchen, ‚Bestia Negra‘ im Bernabéu zu sein und zu gewinnen. Wir wollen weiterkommen, egal wann, egal wie. Das Spiel ist die große Chance, eine Saison, die sehr kritisch gesehen wird, zu veredeln. Das wollen wir tun!»

Neuer, Müller und die guten Erinnerungen an 2012

Königsklassen-Veteran Thomas Müller, der ebenso wie Kapitän und Torwart Manuel Neuer schon vor zwölf Jahren beim erfolgreichen Elfmeter-Krimi und Einzug ins «Finale dahoam» in Madrid gegen die Königlichen dabei war, formulierte das Münchner Rückspiel-Motto so: «Wenn du denkst, okay, das Stadion, das gehört Real Madrid, dann ist es besonders wichtig, dass die unbeugsamen Bajuwaren da auftauchen.» Und nach 2012 mal wieder triumphieren.

Vor dem Check-in für den Condor-Sonderflieger hob Sportdirektor Christoph Freund die «sehr positive Anspannung» im Starensemble hervor. «Halbfinal-Rückspiel in Madrid, Real gegen Bayern München, viel Größeres gibt es nicht», sagte Freund. «Es wird eine enge Kiste». Man sei nur noch «einen Step von Wembley» entfernt.

Für den 38-jährigen Neuer, der 2012 beim Halbfinalerfolg im Elfmeterschießen die Schüsse der Real-Stars Cristiano Ronaldo und Kaká parieren konnte, ehe Bastian Schweinsteiger als letzter Münchner Schütze traf, ist es ein Finale vor dem Finale – «und wir wollen dieses Spiel gewinnen». Es ist jedoch – heute wie damals – eine gigantische Aufgabe, die eine magische Bayern-Nacht erfordert, um am 1. Juni in Wembley wie 2013 gegen Borussia Dortmund oder wie 2020 in Lissabon gegen Paris Saint-Germain im insgesamt siebten Endspiel um den Henkelpott kämpfen zu dürfen. «Es ist immer noch ein Fifty-fifty-Spiel», sagte Tuchel entschlossen: «Wir haben 90 Minuten, 120 Minuten, vielleicht ein Elfmeterschießen.»

Tuchels beeindruckende Real-Bilanz

Die Zeiten, als die Bayern in Madrid als «Schwarze Bestie» gefürchtet wurden, liegen freilich länger zurück. Im vergangenen Jahrzehnt waren Reals Königliche um Mittelfeld-Genius Toni Kroos vielmehr selbst ein Bayern-Albtraum. Zur «Bestia Negra» taugt schon eher Thomas Tuchel, dessen Real-Bilanz als Trainer mit drei Siegen, fünf Remis und einer Niederlage top ist. Auf dem Weg zum Titelgewinn mit dem FC Chelsea vor drei Jahren hat es Tuchel schon mal geschafft, Real in einem Halbfinale zu bezwingen (1:1 und 2:0). Trotzdem sagte Tuchel: «Das Bernabéu ist einer der schwersten Orte, um zu gewinnen.»

Die Aufregung um die von prominenten Absagen (Alonso, Nagelsmann, Rangnick) und immer neuen Kandidaten wie nun Erik ten Hag von Manchester United geprägte Trainersuche dürfte durch den Halbfinal-Ausgang noch größer werden. Verrückt: Der nicht mehr gewollte Tuchel könnte womöglich im allerletzten Spiel als Bayern-Coach nach dem Henkelpott greifen. Eine Trennung vom Champions-League-Sieger wäre schon surreal.

De Ligt und Dier: Spezialauftrag gegen Vinícius Junior

Dafür aber muss erstmal im erneuerten Bernabéu alles passen. «Wir wissen, dass wir zu Hause gut sind», verkündete Real-Leader Kroos. Tuchel will an die mit 2:1 gewonnene zweite Hälfte des Hinspiels anknüpfen: «Das Ziel ist klar. Wir müssen gewinnen!»

Beim Abschlusstraining am Dienstagvormittag noch in München gab es positive Signale. Matthijs de Ligt wirkt nach Knieproblemen startklar, um nach dem Fehlen beim 2:2 in der Allianz Arena im Abwehrzentrum an der Seite von Eric Dier zu verteidigen. Dier trainierte nach der beim 1:3 in Stuttgart erlittenen Platzwunde mit einem Pflaster an der Stirn. Das rustikale Abwehrduo soll Vinícius Junior stoppen, Reals zweifachen Hinspiel-Torschützen.

Auf dem Trainingsplatz herrschte gelöste Stimmung. Denn auch die Offensivkräfte Jamal Musiala (Knie-Probleme) und Leroy Sané (Schambein-Schmerzen) können mit Torgarant Kane stürmen. Der im Hinspiel ganz starke Konrad Laimer (Knöchel) will auch wieder auf die Zähne beißen. «Wir brauchen eine außergewöhnliche Leistung. Und wir müssen im Kopf voll da sein», mahnte der Österreicher. Schließlich sind Kroos, Vinícius und Co. seit Jahren die viel bestaunten Überlebenskünstler in der Champions League. «Man weiß bei Real, dass sie immer noch zuschlagen können, auch wenn sie nicht gefährlich wirken», sagte Laimer.

Kapitän Neuer aber glaubt, dass seine Bayern über den Wembley-Schlüssel verfügen: «Wir haben gegen Real im Hinspiel gesehen, dass wir ganz klar in der Lage sind, dieses Duell für uns zu entscheiden.» Und zwar «mit schnellen Tempowechseln, einer guten Positionierung und einem guten Ballbesitzspiel». Und einer bärenstarken Abwehrleistung. Am wichtigsten aber sei mehr Effektivität, meinte Bernabéu-Kenner Neuer: «Wir müssen mehr Killerinstinkt zeigen.»

Von Klaus Bergmann und Christian Kunz, dpa

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