Berlins Niko Gießelmann (r) klatscht sich nach dem Sieg mit Teamkollege Paul Jaeckel (M) ab. (Urheber/Quelle/Verbreiter: Andreas Gora/dpa)

Timo Schultz war ganz schön mutig. «Und ihr jetzt noch, Champions League und Pokalsieg», raunte der Trainer des FC St. Pauli nach einer herzlichen Umarmung Urs Fischer zu.

Der trotz Pokal-Aus durch das 1:2 im Stadion an der Alten Försterei gar nicht niedergeschlagene Hamburger wusste wohl nicht, dass Union Berlins Coach Fischer auf überkandidelt klingende Zielsetzungen auch schon mal ziemlich mürrisch reagieren kann. Doch der Schweizer beließ es im guten Gefühl des Einzugs ins DFB-Pokal-Halbfinale diesmal bei einem süffisanten Lächeln.

Noch vor wenigen Tagen wurde den Eisernen das Ende ihrer wundersamen Fußball-Erfolgsstory prophezeit. Jetzt hat Fischer seine durch den Abgang von Max Kruse mit drei Zu-Null-Pleiten in Turbulenzen geratene Mannschaft in der Bundesliga wieder auf Platz sieben und damit auf Europakurs stabilisiert und im Cup-Wettbewerb das Endspiel vor der Haustür im allerdings ungeliebten Olympiastadion am 21. Mai als nächstes Highlight vor Augen. Nicht nur in Berlin-Köpenick fragt man sich verwundert, wie bekommt Fischer das immer wieder hin?

«Nicht den Boden unter den Füßen verlieren»

«Nach diesen drei Niederlagen war die Stimmung auch nicht zu Tode betrübt. Sie werden nicht den Boden unter den Füßen verlieren, sie werden das schon richtig einschätzen», beschrieb Fischer sein von Erfolg und Misserfolg unberührtes Mantra der Beständigkeit, das er auf seine Spieler überträgt. Reizpunkte richtig zu setzen, ist auch eine Eigenschaft des 56-Jährigen im Ost-Berliner Mikrokosmos.

Der nächste Motivationsfaktor wird vom Spielplan frei Haus geliefert. Max Kruse wartet am Samstag als Gegner im Wolfsburg-Trikot. Dem Ende Januar für die hübsche Summe von fünf Millionen Euro plötzlich abtrünnigen Starspieler die kollektive Wucht des Union-Spiels zu zeigen, hätte einen speziellen Reiz – auch wenn Fischer so viel Emotion niemals öffentlich zulassen würde.

Sogar das Hochgefühl über den ersten Einzug von Union Berlin in ein Pokal-Halbfinale seit 21 Jahren war Fischer nicht sofort anzusehen. «Ich habe den Jungs schon wirklich gratuliert. Auch wenn ich es noch nicht so zeige, ist eine Riesenfreude da», sagte der auf Wunder spezialisierte größte Stoiker im Bundesliga-Business.

Erstliga-Aufstieg 2019, Klassenerhalt 2020, Europacup-Qualifikation 2021. Jedes Ereignis für sich war höchst erstaunlich. Und 2022? Kapitän Christopher Trimmel beschrieb, wie sich die Eisernen auch in schweren Lagen immer wieder auf sich selbst besinnen. «Indem man enger zusammenrückt. Das ist zwar so ein Spruch, aber wir versuchen es bestmöglich», sagte der Österreicher. Man habe durch den Kruse-Fortgang und den Abschied von Marvin Friedrich «schon an Qualität verloren», gestand Trimmel. Aber: «Es ist eine Chance für die anderen Spieler, und die nehmen das gerne an.»

Pokal-Spezialist Voglsammer sorgt für Jubel

Einer dieser anderen Spieler ist derzeit Sheraldo Becker. Dem Niederländer hing immer das Image an, nur schnell rennen zu können. Jetzt hat er sehenswert gegen Mainz (3:1) getroffen und gegen St. Pauli den wichtigen Ausgleich nach dem Gegentor durch Daniel Kofi Kyereh erzielt. Pokal-Spezialist Andreas Voglsammer, der schon im Achtelfinale gegen Hertha BSC (3:2) akrobatisch getroffen hatte, nutzte den zweiten fatalen Ausrutscher in der Pauli-Abwehr zum Siegtreffer.

Für Union war der Erfolg der erste Heimsieg im Pokal seit 2001. Das Gefühl würde Fischer, ob dieser ungewöhnlichen Bilanz selbst überrascht, im Halbfinale gerne schnell reproduzieren, um dem von Schultz vorhergesagten Premieren-Pokalsieg den vorletzten Schritt näher zu kommen. Für die Hamburger hatte Fischer aber auch eine schöne Saison-Prognose parat. «Ich habe so ein Bauchgefühl, dass sie das schaffen werden», meinte Fischer über die Aufstiegsambitionen. Schultz reagiert mit einem süffisanten Lächeln.

Von Arne Richter, dpa

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